Zug fahren

Ich fahre heute Zug. Nicht weit. Nur eine Stunde. Ich fahre nicht gerne Zug. In Zügen sind komische Leute unterwegs. Zum Beispiel sitzt neben mir eine , wahrscheinlich, Studentin, die ein englisches Lehrbuch durchblättert und die Kapitel mit grünen Post-it’s markiert wobei jedes Post-it Millimeter genau an dem vorigen anschließt und so der Anschein einer grünen Treppe entsteht. Welchen Sinn das hat, wo doch jedes Kapitel im Inhaltsverzeichnis aufgeführt ist, erschließt sich mir nicht.

Während ich das schreibe und beobachte tritt der zweite Typus Zugmensch in Erscheinung. Der Geher. Menschen die im Zug nicht die angebotenen Sitzplätze in Anspruch nehmen, sondern den, zwischen die Sitzreihen gelassenen Weg auf und schreitet und dabei gerne mal stehen bleibt um interessiert in die vorbeiziehende Landschaft zu blicken.

Nicht vergessen darf man die Telefonierer. Leute die ständig mit dem Abholer am Zielort Rücksprache halten damit dieser nicht unerwartet wartet. Dies passiert in einer Lautstärke, dass jeder im Wagon danach weiß wo der Telefonierer hinfährt, wer ihn dort abholt und was dort gegebenenfalls noch ansteht. Warum dies in Zeiten von kostenlosen Nachrichten nötig ist bleibt ein Geheimnis des Telefonierers.

Jetzt bin ich müde und gleich da. Bis dahin…

Ich laufe… wieder!

Als meine Freundin letzten Monat ihre Stelle als Aushilfslehrerin an einer Grundschule antrat waren mir die Konsequenzen ihres Handelns noch nicht bewusst. In ihrer ersten Woche an der Schule fiel sie gesundheitlich aus und musste, für 2 Nächte, ins Krankenhaus. In dieser Zeit kümmerten sich Freunde um unsere kleine Hündin Frieda.  Als diese Woche aber zu Ende ging, stellte sich die Frage, wie lasten wir Frieda schon morgens aus, damit sie die paar Stunden, die zwischen meinem zur Arbeit gehen und dem Feierabend meiner Freundin liegen, entspannt zu Hause verbringt. Großspurig und den Mund viel zu voll nehmend sagte ich, ich werde dann halt morgens mit ihr laufen gehen. Diese Aussage klingt vielleicht realistisch, ist sie aber eben genau für meine Person nicht wirklich.

Nachdem ich im August 2014 beim Ostseeman in Glücksburg dem Marathon in einer Staffel gelaufen bin hatte ich die Schuhe mehr oder weniger an den Nagel gehängt. Schon vorher war ich kein begeisterter Läufer. Zur Teilnahme am Ostseeman lies ich mich aus Euphorie hinreißen. Wir hatten damals, 2013, den Tag an der Strecke verbracht und ich sah in die motivierten und strahlenden Gesichter der Läufer, die, angefeuert von hunderten Zuschauern, ihre Runden am Glücksburger Strand drehten. Hätte ich schon damals hinter die motivierten Gesichter blicken können und hätte das Leiden erkannt, das ein Marathon mit sich bringt, ich hätte wahrscheinlich abgelehnt und wäre nicht auf die Idee eingegangen eine Staffel zu bilden. Wie dem auch sein, gesagt getan war ich mit im Boot. Mein Vater und ein Freund fanden sich, als Radfahrer und Schwimmer und ich, ich war der Läufer. Der Läufer der nicht gerne läuft und große Probleme mit dem inneren Schweinehund hat. Aber auch der Läufer, der ein Teamplayer ist und da ich nun mit im Boot saß musste ich auch liefern.

Ich ging in ein Sportgeschäft und ließ mich professionell vermessen. Da ich stark nach innen einknicke beim Laufen, also proniere, waren die einzig passenden Schuhe für mich natürlich die teuersten. Die Asics Gel Kayano 19 in giftgrün. Für schlanke 179 € standen die guten Stücke im Regal. Ich überlegte und verließ mit gut informiert aber mit dem schlechten Gewissen das Geschäft, nach den Schuhen wohl lieber mal im Internet zu gucken. Zu Hause angekommen war die erste Amtshandlung, Laptop an, Google nach den Kayano 19 befragen. Und siehe da 109 € und es gab noch einen Gutschein für die Seite. Ich bezahlte also für die gleichen Schuhe, die im Geschäft für 179€ angeboten wurden, gerade einmal 95€ im Internet. Um mein schlechtes Gewissen etwas zu legen, kaufte ich aber die Laufklamotten in dem Geschäft. So konnte ich wieder beruhigt schlafen gehen. Als die Schuhe endlich geliefert wurden, ging ich hoch motiviert auf meine erste Runde seit langem. Schon nach wenigen Metern merkte ich, dass es leider nicht so leicht geht wie es bei einigen Läufern aussah. Aber ich ließ mich nicht unterkriegen und lief weiter. Ich lief und lief fast jeden Tag bis 2 Monate vor dem Marathon. Dann wurde ich krank, Erkältung mit Bronchitis. Gar nicht gut zum Laufen. Der Schleim hielt sich lange und ich bekam Antibiotika. Erst 2 Wochen vor dem Marathon wagte ich es wieder auf die Bahn zu gehen. Es fühlte sich an wie am Tag als die Schuhe kamen.

Ich war frustriert, warum dieses Timing. Ich bin eigentlich nie krank und ausgerechnet dann, wenn ich zum ersten mal auf einen Marathon hin trainiere werde ich krank. Aber es ging nicht nur um mich. Die anderen hatten auch trainiert und freuten sich auf das Event. Sie im Stich zu lassen kam nicht in Frage. So kam dann der große Tag. Wir mussten morgens um 5 Uhr zur Einschreibung kommen. Uns wurde die Startnummer auf Arm und Bein geschrieben und langsam wurde ich nervös. Ich war der letzte und nachdem der Schwimmer eine super Zeit in die Ostsee gekrauelt hatte und mein Vater die 180 km auch in 5 Stunden absolvierte bekam ich den Chip übergeben und lief los. Die erste Runde von 5 versuchte ich ein Tempo zu finden. Es lief gut, ich hatte die ersten 8 km in 45 Minuten abgespult und merkte, dass ich auch schneller könnte. In der zweiten Runde wollte ich es  ausprobieren und erhöhte das Tempo. Wieder lief es super. Dann kam der Schlosshof. Die Strecke führte an der Strandpromenade entlang, durch ein Wohngebiet in den Schlosspark und von da in den Schlosshof. Bis zum Schlosshof war die Strecke abgesehen von der Hitze an der Promenade super.

Der Schlosshof aber bestand aus Kopfsteinpflaster. Nicht das “Gute” das man auf Straßen findet sondern eine etwas gröbere Version des ganzen. Zwischen den einzelnen Steinen waren Lücken, in die teilweise ein ganzer Fuss passte. Was in der ersten Runde gut ging versaute mir in der zweiten Runde den Tag. Ich knickte um. Nicht mit mit irgendeinem Fuss, sondern mit dem Rechten. Mein Sprunggelenk-im-Eimer Fuss. Der Schmerz schoss das ganze Bein hoch. Erst nach ein paar Schritten konnte ich den Fuss wieder aufsetzten. Ich fand sogar nach ein paar Kilometern eine Art des Auftretens bei der, der Fuss nicht schmerzte. So ging die zweite Runde dahin. An der Promenade wurde ich erwartet von den anderen. Ich berichtete kurz und lief stoisch weiter. Die dritte Runde schaffte ich in knapp einer Stunde. In der vierten kamen dann die fiesen Probleme. Blasen und Knieschmerzen. Durch meine Fusshaltung, die dem Umknicken geschuldet war, fing mein Knie an ziemlich übel zu schmerzen. Die Blasen waren da noch das kleinere Übel. In der letzten runde kam ich gehend an der Promenade an. Die anderen fragten ob es noch geht oder ob ich lieber aufhören will. Das ging nicht ich musste den beiden ihre Medaille und das Finisher Shirt besorgen. So ging ich die letzte Runde spazieren. Die Blasen ließen mich kaum auftreten und das Knie mich kaum gehen. Trotzdem war die letzte Runde schön. Ich traf einen bekannten, der seinen Sohn begleitet. Dieser war noch eine Runde hinter mir und sah noch gezeichneter aus als ich. Irgendwann konnte er nicht mehr mit mit mithalten und riss ab.

Kurz vor dem Ziel kam ein Einzelteilnehmer aus dem Wald. Er hatte sich übergeben müssen ungefähr die gleichen Probleme wie ich. Wir gingen bis zur Promenade zusammen und unterhielten uns. Ich ließ ihm den Vortritt, da ich fand, wer diese Tortut aller drei Disziplinen alleine durchsteht hat es verdient vor mir ins Ziel zu kommen. Ich lief mit meinem Vater und dem Freund durchs Ziel und krebste dann ins Massagezelt. Und damit zurück zur Ausgangslage. Ich wollte laufen. Mit Hund. Naja ich hatte es gesagt und ich tat es. Es lief gut. Ziemlich gut für die 2 Jahre ohne. Ich mache weiter.